Text: Daniela Schulz,
Journées d’été des Écologistes (20.-22.08.2026)

Aufmerksam wurde ich auf die „Sommertage“ der französischen Grünen, die sich Écologistes nennen, über einen Newsletter der Bundespartei. Sven Giegold, Europa-Koordinator und ehemaliger Europaabgeordneter, trommelte die Frankophilen, Frankophonen und sonstigen Europabegeisterten der Partei zusammen, für einen Freundschaftsbesuch bei den Journées d’été in Grenoble. Versprochen wurden drei Tage Einblicke in die französische Politik in Form von Panels, Vorträgen und Workshops und nicht zuletzt zusammen feiern.
Gleich vorweg: Das Versprechen wurde definitiv gehalten. Die drei Tage waren eine Art Crash-Kurs in französischen politischen Problematiken und gewissen spannungsgeladenen Befindlichkeiten innerhalb der Écologistes. Aber auch das Erlebnis von Offenheit und Wärme unserer Nachbar:innen in Form von Gesprächen und Apéros, wo man bei kleinen Köstlichkeiten und Getränken zusammensteht, redet und das Leben genießt.
Die Stadt Grenoble gilt manchem als das „französische Freiburg“, seit 2014 durchgängig von den Écologistes regiert, Vorreiterin grüner Politik in Frankreich. Bereits 2005 verabschiedete Grenoble einen Klimaplan. Die „Hauptstadt der Alpen“, wie sie sich auch nennt, hat mit einer herausfordernden geografischen Lage im Tal mehrerer Hochalpenmassive zu kämpfen. Im Sommer staut sich dort die Hitze, ohne abziehen zu können. Bei meiner Ankunft zeigte das Thermometer am Abend noch 38 Grad Celsius. Zum Glück brachten ein paar Gewitter im Lauf der Tage kurzfristig Abkühlung.

Da fast alle der etwa fünfzehn deutschen Delegationsteilnehmenden in einer Art (sehr komfortablem) Studentenhotel übernachteten trafen wir uns bereits morgens bei Croissants und Café au lait mit Sven am großen, runden Tisch zum allmorgendlichen Deep Talk zur aktuellen Situation beim westlichen Nachbarn. Der Sommer-Kongress fand nämlich vor dem Hintergrund der im kommenden Frühjahr anstehenden Präsidentschaftswahlen statt und das war eigentlich neben der Klimakrise das beherrschende Thema. Ähnlich wie bei uns driftet die Gesellschaft auch in Frankreich immer mehr auseinander. Die aussichtsreichsten Präsidentschaftskandidat:innen sitzen weit an den Rändern. Rechts außen Marine Le Pen mit dem Rassemblement national (RN) und links außen Jean-Luc Mélenchon von La France insoumise (LFI). Die linke Mitte könnte sich hinter dem „weißen Ritter“ Raphaël Glucksmann mit seiner Partei Place public (PP) versammeln, so zumindest das Kalkül der grünen Spitzenkandidatin Marine Tondelier, die auf den Journées frenetisch bejubelt wurde. Tondelier setzt sich für ein solches Mitte-links-Bündnis ein, aber ob sich die diversen linken Parteien darauf einlassen werden, ist alles andere als gewiss.
Und natürlich ging es um die Klimakrise, die Frankreich in diesem Jahr besonders hart getroffen hat. Feuerwehrmänner, bei den verheerenden Waldbränden an vorderster Front, klagten über ungenügende Ausrüstung. Mehrere ihrer Kollegen waren sogar bei den Löscharbeiten ums Leben gekommen. Wut und Trauer waren zu spüren. Als das Publikum zu Ehren der toten Feuerwehrleute gemeinsam in einer Schweigeminute trauerte, rollten Tränen über das Gesicht der Männer. Zu selten erleben sie trotz der Gefahren für Leib und Leben Wertschätzung.
Das Programm der Journées war vielfältig, so wie grüne Politik sein muss. Es geht um Familiengründung als LGBTQ+, um Diskriminierung, Wohnen, Gesundheit, Gifte im Boden, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, junge Menschen in den Überseeregionen, Menschen mit Einschränkungen, den Bio-Rhythmus der Kinder, ökologische, demografische, und soziale Kipppunkte und es geht auch um den Kampf gegen Einsamkeit, die gerade ältere Menschen, aber natürlich auch ganz junge betrifft.

Nur merkwürdig, denke ich, dass trotz dieser großartigen Vielfalt das Leben älterer Menschen nirgends als eigenes Thema vorkommt. Ich schaue mich auf dem Campus der Université de Grenoble um, auf dem das Sommertreffen zum Teil stattfindet: Kinder wuseln um ihre Eltern oder werden von ihnen getragen, unsere beiden mitgereisten Vertreter der grünen Jugend haben sich mit den jeunes Écologistes zusammengetan, der grünen Jugend Frankreichs. Ich nehme viele wahr, die man landläufig „in der Lebensmitte“ verortet, zwischen vierzig und fünfzig, doch auch nicht wenige Ü60 und weit darüber hinaus. Gibt es hier nicht auch eine Gruppe, in der sie über die besonderen Herausforderungen ihres Daseins debattieren und Veränderungen anstoßen wollen? Mutig spreche ich einige Ältere an. Meine spontane Kurzumfrage ergibt keinerlei sachdienliche Hinweise – sie könnten mir da leider nicht weiterhelfen, so die freundlichen Antworten der Befragten meiner nicht repräsentativen Umfrage. Zum Schluss treffe ich dann doch noch Françoise. Sie ist Ende siebzig und engagiert sich bei der Organisation CnaV-demain.
Der Conseil national autoproclamé de la Vieillesse, zu Deutsch „selbsternannter nationaler Rat des Alters“ wurde vor fünf Jahren, mitten in der Pandemie, gegründet. Mittlerweile hat CnaV-demain 4000 Mitglieder und Unterstützerinnen in ganz Frankreich, darunter auch prominente Namen wie die Regisseurin Ariane Mnouchkine. Die Aktivist:innen treffen sich regelmäßig, organisieren Veranstaltungen und sie kämpfen für ein vielfältigeres Bild dessen, was man gemeinhin „das Alter“ nennt. Ihre Themen sind Wohnen, Mobilität, Teilhabe an Kultur, an Gesellschaft, Pflegeheime bis zu der schließlich letzten Frage, wie man sterben möchte. Sie fordern nichts weniger als grundlegende Mitbestimmung bei allen Entscheidungen, die ältere Menschen betreffen. Dabei wollen sie sich auch mit Jüngeren zusammenschließen. Ganz nach dem Motto „die Alten haben das letzte Wort noch nicht gesprochen“.
Wer sich übrigens fragt, was das „demain“ im Namen soll, demain“ heißt „morgen“ und ist ein Wortspiel mit CNAV (Caisse nationale d’assurance vieillesse), der französischen Rentenversicherung, die wie hierzulande auch unter Druck steht.
Zurück zu den Écologistes, auf der Website der Écologistes finde ich schließlich doch noch den „Ausschuss für Alter und Solidarität“ (Commission vieillesse et solidarité). Seine Themen werden dort in aller Kürze wie folgt aufgezählt: Rechte älterer Menschen, Soziales, altersfreundliche Umgebung sowie die Zustände in den Pflegeheimen. Zu erreichen unter der E-Mail: seniors@eelv.fr.
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